“So good to see you again!” – Ein herzliches Wiedersehen mit Juan, diesmal schon eine Woche vor der geplanten zweiten Brigade für anorektale Malformationen in Honduras bei der “Colorectal and pelvic reconstruction conference” in Columbus, Ohio in den USA.

Dieses Jahr haben wir die Medical-Mission unseres Vereins “Helping hands for anorectal malformations” so geplant, dass wir noch gemeinsam an der von Marc Levitt, einem der führenden Spezialisten der Kolorektalchirurgie bei Kindern veranstaltenden Konferenz teilenehmen konnten. Bei der dreitägigen Veranstaltung wurden die aktuellen Therapietrends und Operationsmethoden bei Kindern mit Anorektalen Fehlbildungen oder Morbus Hirschsprung mit bekannten Kinderchirurgen, unter anderem Luis de la Torre (Pittsburgh, USA) oder Jacob Langer (Toronto, Kanada) diskutiert. Zahlreiche Publikumsinteraktionen im Sinne von interaktiven multiple-choice Fragen welche geschickt in die Vorträge eingebaut wurden, zeigen rasch auf, wie schwierig die Behandlung dieser selten Krankheitsbilder ist – die Meinungen bezüglich der Interpretation von Befunden und Wahl der richtigen Operationsmethode gehen doch teilweise weit auseinander. Jedoch haben die meisten Teilnehmer den Eindruck sehr von dieser Veranstaltung profitiert zu haben und in der zukünftigen Behandlung der Patienten profitieren zu können. Nach diesem Intensiv-Auffrischungskurs geht es für uns perfekt in das Thema eingestimmt los nach Honduras. Schon beim Hinflug besprechen wir mit dem Organisator und Gründer der “Fundacion MAR” (MAR steht für malformación ano-rectal) Dr. Juan Craniotis das geplante Wochenprogramm. “I’ve scheduled 37 patients this year” – mit Hilfe einiger befreundeter Geldgeber konnte Juan dieses Jahr auch ausreichend Geld mobilisieren um diese Anzahl an Kindern einzuplanen.

Das Gesundheitssystem in Honduras steht bei komplexen Erkrankungen wie den anorektalen Fehlbildungen vor einem Problem – den Kinderchirurgen vor Ort fehlen einerseits die Kapazitäten und teilweise auch die Erfahrung um mit diesen Problemen gleich wie in der westlichen Welt umzugehen. In der Versorgung durch das öffentliche Krankenhaus steht das Überleben des Kindes im Vordergrund. Das Vorhandensein eines funktionstüchtigen Anus stellt sich eher in den Hintergrund, zu hoch sind die Kosten welche von der größtenteils deutlich unter der Armutsgrenze lebenden Familien in dem lateinamerikanischen Land. Möchten die Familien eine Korrektur dieser Fehlbildung, müssten sie die finanziellen Mittel durch die Betreuung im Privatspital dafür entweder selbst aufbringen, oder sie haben das Glück von der Fundacion MAR unterstützt zu werden.

Das letzte Jahr war ein voller Erfolg – die operierten Patienten von der ersten Brigade vor einem Jahr wurden alle von Juan selbst nachbetreut und zeigten ein hervorragendes Ergebnis. Die Freude steht den Eltern die wir bereits kennen ins Gesicht geschrieben. Für viele der Patienten kommt nun der endlich erlösende Schritt des Verschlusses des künstlichen Darmausganges, nachdem die operative Korrektur des Anus geglückt, dieser gut eingeheilt ist und die Patienten nicht mehr auf ein Stoma angewiesen sind. Insgesamt konnten wir bei zwölf Kindern die operativ-chirurgische Behandlung abschließen und die Darmkontinuität wieder herstellen.

In der Dokumentation der medizinischen Behandlung ist noch ein deutlicher Nachholbedarf. Juan berichtet immer wieder von händischen Aufzeichungen der medizinischen Eingriffe und geplanten Therapien die dann oft schon wenige Tage später nicht mehr auffindbar sind. Für eine konsequente und dringend notwendige Nachsorge der kleinen Patienten ist die Dokumentation jedoch essentiell. Dementsprechend groß war die Begeisterung aller als wir den Kollegen vor Ort das medizinsiche Dokumentationssystem “care01” zur geschützten Online-Dokumentation im Sinne einer digitalen Patientenakte präsentieren konnten. Eben genau für diesen Einsatz haben wir von Amir Moussa, dem Entwickler des Systems eine kostenlose Lizenz als Unterstützung zur Verfügung bekommen und konnten sowohl die Kinderchirurgen, als auch Studenten und administratives Personal so einschulen, dass eine fortwährende Dokumentation der Eingriffe als auch des postoperativen Verlaufs auch für die weiteren Brigaden möglich wird.

 

Wir können während der sehr intensiven Woche, in der wir wieder von acht Uhr morgens bis teilweise acht Uhr abends in der Klinik tätig sind, bei insgesamt 23 Kindern eine Anorektoplastik durchführen – teilweise bei leichten, und teilweise auch bei komplexeren Formen. Alles in allem war unser diesjähriger Aufenthalt noch herzlicher als das Jahr zuvor. Die Schwestern und alle anderen beteiligten wussten bereits wie es ablaufen wird und haben uns wieder mit offenen Armen empfangen. Die lockere Stimmung im Operationsaal und auch zwischen den Eingriffen machen es zu einer wahren Freude mit den Menschen vor Ort zusammen zu sein.

In einem Land wie Honduras spielen Glaube und Legenden noch eine große Rolle. Man sieht Erkrankungen die in der westlichen Welt nur selten vorkommen. Unser Ekel ist groß als wir vor Beginn eines Stomaverschlusses einen Spulwurm von über 20cm Länge aus dem künstlichen Darmausgang eines 2jährigen Kindes ziehen. Bei der Visite fragen wir die einheimischen Ärzte warum viele der Kinder trockene Handtücher oder Waschlappen um den Kopf gewickelt tragen – laut Glaube vieler Patienten, soll das Gehirn nach einer Operation keinen Sauerstoff bekommen um die Heilung zu forcieren. Da die Sauerstoffzufuhr dadurch nicht wirklich beeinträchtigt wird, haben wir in diesem Fall auch nichts dagegen. Juan hingegen kämpft mit schlimmeren Traditionen welche bei den, wie er sagt, “ignorant people” noch konsequent fortgeführt werden. Beispielsweise geben viele Eltern den Kindern nach einer Blinddarm-Operation nicht die empfohlene Ernährung sondern setzen das Kind selbstständig auf eine spezielle Diät. Die Kinder bekommen dann über Wochen hinweg nurmehr Tortillas und Wasser, dürfen kein Eiweiß mehr zu sich nehmen und kommen schließlich nach 1-2 Monaten völlig abgemagert und Mangelernährt zur Kontrolle. “They believe their grandmother more than the doctors.” erzählt uns Dr. Mario Arista, der Kinderarzt, der die stationären Patienten während der gesamten Woche betreut.

Abends nach den langen Tagen in der Klinik blieb dann doch noch etwas Zeit um mit unserem Gastgeber Juan und seiner Familie sowie einigen einheimischen Ärzten gemeinsam zu essen, über die politische Situation und die Problematik der Armut in Honduras zu sprechen. Schnell wird klar, dass die Zukunftsperspektiven vor allem für Juans Kinder in Honduras aktuell sehr eingeschränkt sind. Diese besuchen zwar Privatschulen mit Unterricht auf Englisch, jedoch befürchtet ihr Vater, dass sie nur außerhalb des Landes alle Türen offen stehen können. “I was born in Honduras, I lived my life in Honduras and if it’s only me, I can die in Honduras. But I want my children to have a good future.” So denken Juan und seine Familie auch darüber nach, in seinem Ruhestand doch in ein friedlicheres Land zu ziehen.

Nach einem kurzen Ausflug an die Landesküste und Besuch einiger Orte außerhalb von San Pedro Sula verabschieden wir uns am Flughafen für eine lange Rückreise nach Wien mit einer herzlichen Umarmung und den Worten: “Hasta proximo ano!” und kehren mit vielen Erfahrungen und Eindrücken wieder in unsere friedliche Heimat zurück.